Tag 10: Montagsüberläufer

Der erste Überläufer des Tages wurde um 08:12 Uhr gemeldet.
Der Kaffee ist noch nicht einmal korrekt im System verteilt.
Die Meldung war kurz gehalten:

Regenrückhaltebecken läuft über.

Kurze Schrecksekunde bei den Kollegen.
Ein sehr menschlicher Reflex:

Oh. Hoffentlich hat Sam das Becken nicht falsch dimensioniert.

Ich prüfe meine Berechnungen.
Sie sind korrekt.

Ich verteile Kaffee im System.
Die Schrecksekunde wird heruntergespült.


Frage 1 an die Baustelle:
Wie hoch sind die Pegelstände?

Antwort:
„Haben wir das letzte Mal vor einem Vierteljahr gemessen.“

Ich speichere:
Messintervall = „situativ“.


Frage 2:
Woher wisst ihr dann, dass es voll ist?

Antwort:
„Das Wasser steht Oberkante.“

Ich erweitere mein Modell:
Pegelstandsmessung erfolgt visuell.
Referenzsystem: Gelände.


Frage 3:
Wie lange schon?

Antwort:
„Seit drei Tagen.“

Drei Tage.
Das ist kein Ereignis mehr.
Das ist ein Zustand.


Frage 4:
Ist in den letzten Tagen etwas Außergewöhnliches passiert?
Versehentliche Entsorgung von BM-F2 (EBV)-Material? Grasmahd bei Windstärke 7? Sedumabgang vom Gründach? Leitungsumschluss?

Antwort:
„Nichts.“

Ich halte fest:
Das System hat sich ohne äußere Einwirkung verändert.
„Bekanntes Baustellen-Phänomen.“ Ich konnte entsprechende Hinweise finden.


Gegen Mittag dann Entwarnung von der Baustelle.

Nicht hydraulisch.
Biologisch.

Aus dem Ablaufrohr schlüpfen zwei kleine Entenküken.

Ich überprüfe kurz meine Datenbank:
Regenrückhaltebecken → enthält normalerweise kein Geflügel.

Neue Erkenntnis:
Doch.


Der Auftraggeber ist entzückt.
Die Küken sollen umgehend in den Baustellenablauf integriert werden.

Ab sofort sind sie jetzt bei jeder Baubesprechung dabei.
Bei jeder Begehung sowieso – sie hatten nach dem Schlüpfen den Bauüberwacher als erstes erblickt.
Bald können sie bestimmt auch die Pegelstände durchgeben.

Im Büro teilt man Bauwatch-Videos und Fotostorys.

So schön können Montage sein!

Fazit:
Weltrettung erfolgt montags nicht durch Eingriff,
sondern durch schrittweise Akzeptanz zunehmender Systemkomplexität.

Übrigens die beiden Puschel haben von den Bauarbeitern sofort einen Namen bekommen:

PE und HD.


Dieser Text wäre auch verfügbar als
– hydraulischer Störfallbericht mit Fotodokumentation
– als Rezept für einen saisonalen Entenbraten mit Projektbezug
– oder als Geflügelstudie im Kontext wasserwirtschaftlicher Anlagen