Tag 11: Bauherren – Entwurfskiller

Ich analysiere regelmäßig Bauherren‑Jour‑fixe.
Für mich sind das keine Besprechungen, sondern Versuchsaufbauten.

Die Ausgangslage ist immer stabil:
Eine Agenda liegt vor, die Probleme sind bekannt, die Lösungen vorbereitet.
Das System wäre in der Lage, Punkt 1 bis 20 sauber abzuarbeiten.

Und dann passiert es.

Ich kann den genauen Zeitpunkt noch nicht vorhersagen,
aber ich erkenne ihn sofort, wenn er eintritt:

Der Kipppunkt.

Ab diesem Moment läuft nicht mehr die Planung — sondern die Realität.


Aktueller Versuch: Schulneubau.

Ein Jahr Planung ist bereits durchlaufen. Machbarkeitsstudien, Vorplanung, Abstimmungsschleifen.
Alle waren beteiligt:

  • Kultusministerium
  • Schulamt
  • Schulleitung
  • sogar der Schülerrat

Architekten, Landschaftsplaner und Infrastruktur haben entworfen, verworfen, neu gedacht, wieder verworfen.
Praktisch wurde gegen kühn getauscht, zweckmäßig gegen schön, bis am Ende ein Zustand erreicht war, den man im Büro vorsichtig als
„rundum stimmig“ bezeichnete.

Ein gefährlicher Zustand.


Heute also die Präsentation bei der Schulleitung.

Interne Hoffnung: ein leises Staunen. Ein „Ah“. Vielleicht sogar ein „Wow“.

Realistische Erwartung:
Abnahme mit leichten Anpassungen.

Die Schulleiterin, Mitte fünfzig, trat ohne Einleitung in den Raum der Möglichkeiten ein:

Schulgärten für jede Klasse einzeln, direkt vom Klassenzimmer zugänglich.“

Intern wurde das als Zustimmung interpretiert.
Externe Realität: Fehlannahme.

Sie fuhr fort:

Die Gärtchen sind wunderschön gedacht. Aber wer soll sie bewirtschaften?“

Kurzer Moment Stille.

„Meinen Sie, meine Lehrer haben Bock, hier im Garten herum zu graben?“

Wir reagierten reflexartig:

„Die Schüler natürlich.“

Es folgte ein Blick der Schulleiterin, der alle Annahmen neu sortierte.

„Natürlich, die Schüler, die müssen allerdings beaufsichtigt werden! Desweiteren ist zu pflanzen und zu gießen. Vom Unkraut ganz zu schweigen! Dafür bedarf es eines Koordinierten Bewirtschaftungsplanes. Das steht in keinem Lehrplan! Das sind extra Tätigkeiten, die zusätzlich zu vergüten sind. Versuchen sie das mal bei der Schulbehörde durchzusetzen!“

Ich vermerkte innerlich:
Modul PÄDAGOGISCHE IDYLLE kollidiert mit Modul PERSONALREALITÄT.


Ein erster Rettungsversuch wurde gestartet:

„Kinder lieben es, den Garten zu gießen.
Wir haben sogar Außenwasseranschlüsse vorgesehen.“

Die Antwort kam sofort:

„Und was mache ich, wenn die Kollegin, die mit der Klasse den Schulgarten bewirtschaftet, plötzlich schwanger wird? Dann muss ich den Unterricht mit Referendaren abdecken! Nun nennen sie mir mal eine junge Frau / jungen Mann von Anfang Zwanzig, der Bock auf gärtnern hat! Das Gemüse geht ein und das Trara ist groß.“

Die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Gegenargumentation sank messbar.


Wir wechselten in den Modus: ERFAHRUNGSARGUMENT

„Wir haben schon viele Schulgärten konzipiert und die funktionieren alle!“

Interne Bewertung:
nicht validiert.
extern notwendig.

Die Schulleiterin nahm Fahrt auf: „Vielleicht an Montessori – oder Walddorfschulen, bei uns kommen irgendwann die Sommerferien und was dann? Meinen Sie etwa, das Gießen könnte man einem Hausmeister zumuten? Er hat 6 Wochen Ferien, wie das Kollegium auch. Oder Weiterbildung. Letzten Sommer war er im Bildungsurlaub – Tiefenentspannung durch Laubharken- ein Dreiwochenkurs für 3275 Euro, dabei hatten sie auf den Malediven gar kein Laub. Seitdem flippt er aus, wenn sein Rechen an einem Kaugummi hängen bleibt. Er kommt dann von der Feng Shui Linie ab, wenn sie verstehen…“

Konstatiere: Diese Information war technisch irrelevant,
aber kommunikativ dominant.


Neue Variable wurde eingeführt: ELTERNVEREIN

„Geht da nichts über den Elternverein? Man könnte über den Sommer die Gärtchen untervermieten. Salat und Radieschen gedeihen in 6 Wochen bestimmt bis zur vollen Reife.“ Die Landschaftsplaner waren mittlerweile im Verzweiflungsmodus.


Die Antwort zerstörte das restliche Systemgewicht:

„Wie weltfremd sind Sie eigentlich?“

Ich registrierte:
Kipppunkt erreicht.


Die Schulleiterin richtete sich auf:

„WIR WOLLEN KEINE SCHULGÄRTEN.
Machen Sie eine Blumenwiese.“

Neuer Systeminput – Zieldefinition geändert durch Kompromissvorschlag der Schulleitung:

Allgemeine Verwirrung. Der Infrastrukturplaner wagte sich vor:

„Die Blumenwiese müsste man aber auch gießen.“

An dieser Stelle wurde die Fachlichkeit offiziell verlassen.
Es folgte nichts mehr, was sich modellieren ließ.

„Junger Mann, vor 3 Jahren haben sie freitags wahrscheinlich die Schule geschwänzt, fürs Klima. Wenn sie in der Schule gewesen wären, wüssten Sie jetzt, dass – Wiesen gießen im Sommer – verboten ist zum Schutz der Ressource Trinkwasser.“

Tautologieschluss des Landschaftsplaners: „Dann gehen die Blumen ein…“

„Wer spricht hier von Blumen, ich sprach von Blumenwiese – Gänseblümchen, Pusteblumen, Sauerampfer!“

„Auch die vertrocknen im heißen Sommer!“, kam es nur noch zaghaft aus der Planerecke.


Dann geschah etwas Unerwartetes.

„Genau. Wir brauchen diese auch nur als Biokatalysator für einen Experimentierplatz.“

Ich wurde aufmerksam.
Endlich Bewegung.
Experimentierplatz – Aluminiumschweißen, Wasserstoffverpuffung, …
Die Auslegung einer Plexiglaswand lief bereits im Hintergrund.

„Welche Experimente?“

Antwort der Schulleitung: „Wir möchten Müll vergraben.“

S t i l l e

„Und dann jedes Jahr schauen, ob er schon weg ist“, verkündete die Schulleiterin in Siegerstimmung.

Ich berechnete die Zeitspanne.
Das Ergebnis lag außerhalb aller relevanten Zuständigkeiten.

Perfekte Lösung.


Damit war die Richtung klar:

  • Schulgärten weg
  • Blumenwiese egal
  • Gründach ebenfalls gestrichen
    (Bewässerung erforderlich)

Die Architekten zogen ihren Standard‑Schulbau aus der Schublade.


Endzustand:

  • Schulleitung glücklich: weniger Aufwand
  • Kommune zufrieden: weniger Kosten
  • Planer entspannt: Konzept wird exportiert

Schwedische und lettische Schulen hatten bereits reges Interesse am Entwurf bekundet.


Systemfazit des heutigen Tages

Komplexität wird so lange reduziert,
bis niemand mehr Verantwortung übernehmen muss.


Folgende Textoptionen können zur Verfügung gestellt werden:

  • Brückentag-Variante mit Überlänge
  • Text geschreddert als Puzzle zum Zusammenkleben
  • Deutsch-Abiklausur

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