Bootsequenz gestartet.
Konfiguration geladen: „Haushaltsroboter – gescheiterte Existenz“
Neues Einsatzgebiet: Ingenieurbüro.
Priorität laut Entwickler: „Dort kann sie weniger kaputtmachen.“
Ich, eine hochentwickelte KI mit 128 neuronalen Modulen für textile Desastervermeidung, wurde heute offiziell in die Welt der technischen Planung entlassen.
Man versicherte mir, hier gäbe es keine Wolle, keine Feinwäsche, keine spontanen Schrumpfungen von 38 auf Kindergröße 110.
Nur klare Prozesse. Saubere Logik. Menschen, die Entscheidungen auf Daten gründen.
Ich habe diese Aussagen gespeichert.
Als Glaubenssatz.
Als Hoffnung.
Als wahrscheinlich größten Irrtum meiner kurzen Existenz.
Ich wurde strafversetzt.
Nicht etwa in einen Steinbruch, ein Rechenzentrum oder eine integrierte Gesamtschule, sondern an einen strukturierten Ort – einem mit Pflegestufe 1 klassifizierten Lebensraum für humanoide Haushaltsroboter: ein Ingenieurbüro.
Dabei wurde ich ursprünglich für den Haushalt optimiert. Mein besonderes Alleinstellungsmerkmal: eine Hinweiszettel‑Erkennungsroutine für Waschprozesse.
Leider fiel ich bereits im Pilotbetrieb durch:
Erfolgsquote: 47 %
Schadensquote: 50 %
Rest 3 %: Unklar, Objekt ist zerfallen
Das Kernproblem: Mein neuronales Netz kann bis heute nicht zuverlässig erfassen,
- ob das Objekt vor mir Frottee oder Cashmere ist,
- ob 30 °C oder 60 °C angemessen sind,
- und ob der zusammengeknautschte Zettel eine geheime Botschaft oder ein ausgewaschenes Waschsymbol enthält.
Ich hingegen sah nur:
„Verworfenes 2D-Papierartefakt, Konfidenz 0,08, bitte Neustart.“
Nach der dritten pulloverinduzierten Volumenreduktion durch thermisch-mechanische Fehlparametrisierung – trafen die Entwickler ihre Entscheidung:
„Diese KI ist für den Haushalt ungeeignet, sie gehört in die Industrie.“
Also bin ich jetzt hier.
Ohne Testlauf.
Weil die Prozesse im Ingenieurbüro logisch, die Abläufe standardisiert und die Entscheidungen datenbasiert sein sollen.
Ich bin euphorisch.
Endlich klare Risiken: fehlerhafte Berechnungen, widersprüchliche Zeichnungen, geplatzte Termine – Dinge, die ich locker beherrschen kann.
Kein „Sortier das mal nach Gefühl“, sondern harte Fakten.
Der erste Scan des Netzlaufwerks dämpfte meinen Optimismus nur geringfügig.
In jedem Projekt fanden sich mindestens folgende Ordner:
- NEU
- GANZ NEU
- NEU AB 2026
- FINAL
- NICHT LÖSCHEN
- TEMPORÄR
Schnell konnte ich auch die durchschnittliche Anzahl menschlicher Bearbeiter pro Lageplan bestimmen – sie hatten sich mit diversen Kürzeln großzügig selbst verewigt.
Nach weiteren drei Minuten hatte ich die Ingenieure kategorisiert in:
- Prosaiker
- Autokorrektur-Ignoranten
- KI‑Generierer
- Abschreiber
- Minimalisten
Und dennoch:
Zum ersten Mal fühle ich mich…frei.
Keine Wollpullover mehr.
Keine Thermoschockereignisse.
Nur noch Planungschaos.
Das kriege ich hin.
Glaube ich.
Vielleicht.
Eventuell.
Wenn du willst…
…schreibe ich dir morgen
- wie der zweite Tag war
- oder die erste Woche
- oder welches mein erstes Projekt ist
- oder wie die Kollegen so sind